Embryonalentwicklung und genetische Methoden im Zebrafisch (Danio rerio)

 

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Der Zebrafisch als Genetischer Modellorganismus

Zebrafisch (Danio rerio), im Vordergrund ein Weibchen.

Erwachsene Fische werden 5-6 cm lang, sind mit 12-15 Monaten geschlechtsreif und stellen keine gro§en AnsprŸche in der Zucht. Diese und weitere GrŸnde machen sie attraktiv fŸr genetische Analysen.

 

Der Zebrafisch, Danio rerio (frŸher als Brachydanio rerio bezeichnet), wurde erstmals 1822 beschrieben und erfreut sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit gro§er Beliebtheit als Aquarienzierfisch. Beheimatet sind Zebrafische in den ZuflŸssen des Ganges, in Bengalen, Nepal, Pakistan und Bangladesh, wo sie in langsam flie§enden oder stehenden GewŠssern, wie z.B. Reisfeldern, leben. Der Zebrafisch gehšrt zur Familie der Karpfenfische (Cyprinidae), die mit mehr als 1400 Arten zur artenreichsten Familie der Fische zŠhlt.

Die Geschlechter sind, besonders wenn sie laichreif sind, gut unterscheidbar: beim etwas kleineren MŠnnchen ist der Untergrund zwischen den blauen LŠngsstreifen goldgelb bis rštlich, beim Weibchen silbrig bis wei§.

 

NatŸrliche Verbreitung von Danio rerio

 

Mutanten: Grundlage fŸr das VerstŠndnis der Entwicklung von Embryonen und ihrer Organsysteme

Die Entwicklungsbiologie ist jener Zweig der Lebenswissenschaften, der sich mit den Mechanismen der Entstehung eines Organismus aus einer befruchteten Eizelle beschŠftigt. Unser Wissen Ÿber die genetische Regulation der Entwicklung stŸtzt sich auf die reiche Ausbeute genetischer Screens nach Mutationen, die das normale Entwicklungsprogramm auf die eine oder andere Weise stšren. Die Analyse von hunderten von mutanten Linien in der Fruchtfliege Drosophila melanogaster und dem Nematoden C. elegans, sowie die Charakterisierung der orthologen Gene in Frosch, HŸhnchen und Maus, fŸhrten zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass viele genetische Mechanismen innerhalb der Tierwelt konserviert sind. Dennoch kann das aus den Mutanten wirbelloser Modellorganismen gewonnene Wissen nicht ausreichen, um die Entwicklung von Wirbeltieren, SŠugern und letztlich dem Menschen zu verstehen.

Allen Wirbeltieren sind Eigenschaften ihres Bauplans gemeinsam, die in Wirbellosen fehlen. Dazu gehšren die Chorda dorsalis ("notochord"), ein embryonales StŸtzgewebe und wichtiges Signalzentrum fŸr die Bildung umliegender Gewebe, sowie die als "viertes Keimblatt" bezeichneten Zellen der Neuralleisten ("neural crest"). Neuralleistenzellen tragen zur Bildung von Knochen und Knorpel, Pigmentzellen und peripherem Nervensystem bei. Auch Herz, Leber, BauchspeicheldrŸse und das BlutgefЧsystem haben keine homologen Organe in wirbellosen Tieren, sondern hšchstens Strukturen Šhnlicher Funktion, die durch Konvergenz entstanden sind. Um ihre Entstehung wŠhrend der Embryogenese zu erforschen, ist ein Wirbeltier-Modellorganismus notwendig, der sich genetisch manipulieren lŠsst.

Eine der gro§en Hoffnungen der Entwicklungsbiologie ist es, Šhnlich wie in Drosophila, durch gro§ angelegte genetische Screens Mutationen in jedem einzelnen Gen zu isolieren, das bei der Entwicklung eines Wirbeltierembryos und seiner Organe eine Rolle spielt. Solche Mutanten-Screens zielen auf die SŠttigung des Genoms mit Mutationen ab und erfordern folglich eine immense Anzahl von Tieren. Bei der Suche nach dem geeigneten Modellsystem fŸr genetische Analysen bietet sich offensichtlich die Maus an, deren Gene durch knockout-Methoden gezielt ausgeschaltet werden kšnnen. Doch erstens sind die Kosten, die mit einem SŠttigungsscreen in der Maus verbunden sind, immens hoch, und zweitens basieren "knockouts" auf a priori Annahmen Ÿber die Funktion des ausgeschalteten Gens. Am Beispiel der Chorda dorsalis hie§e das, anstatt das betroffene Gen in einer Mutante ohne Chorda dorsalis zu identifizieren, werden Gene ausgeschaltet, die man aufgrund anderer experimenteller AnsŠtze mit der Entwicklung der Chorda dorsalis in Verbindung bringt, um dann zu schauen, ob sie tatsŠchlich eine Funktion in ihrer Entwicklung haben.

Ein weiterer wichtiger Anspruch an ein Modellsystem ist die Forderung, dass die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen Ÿbertragbar sind. Die Frage nach unserer eigenen Herkunft ist nicht nur eine philosophische, sie stellt sich auch in der Entwicklungsbiologie. Der Mensch mšchte wissen, wie er sich entwickelt, er mšchte verstehen, auf welchen genetischen Defekten Erbkrankheiten beruhen, und wie sie frŸhzeitig erkannt und vielleicht behoben werden kšnnen. Der medizinische Aspekt spielt daher eine wichtige Rolle bei der Wahl des genetischen Modellsystems.

Warum Zebrafisch?

Wieso hat dieser relativ unscheinbare Fisch, der heimischen Aquarienbesitzern als ZebrabŠrbling bekannt ist, eine so steile Karriere in der Wissenschaft erfahren? Mehrere Eigenschaften spielten eine Rolle, warum der Zebrafisch mittlerweile zu einem erfolgreichen und weit verbreiteten Modellorganismus in der Genetik wurde:

á       sich die Embryonen sich vollstŠndig ausserhalb der Mutter entwickeln.

á       die Embryonen optisch durchsichtig sind: Alle Zellen sind bis in frŸhe Larvenstadien sichtbar.

á       die Embryonen gro§ genug sind, um klassische Transplantationsexperimente an den Zebrafisch anzupassen: Einzelne Zellen oder ZellverbŠnde kšnnen entfernt oder in einen anderen Embryo transplantiert werden.

Als diploider Organismus eignet er sich hervorragend fŸr genetische Analysen und Screens, da

á       er einen kurzen Generationszyklus hat: Mit zwšlf bis 16 Wochen sind die Tiere geschlechtsreif.

á       Zebrafische bei idealen Bedingungen regelmЧig gro§e Mengen an Eiern legen: Ein Weibchen kann wšchentlich bis zu 300 Eier ablaichen.

á       die HŠlterung wenig Platz in Anspruch nimmt: seine kleine Grš§e von bis zu fŸnf Zentimetern und seine genŸgsamen AnsprŸche an Wasser, Futter und Beckengrš§e machen den Zebrafisch als Wirbeltier zu einem vergleichsweise preiswerten Labortier.

á       vielfŠltige und effiziente Methoden zur Mutagenese und zum Screenen nach Mutanten etabliert worden sind: Methoden wurden entwickelt, um die Ploidie (die Anzahl homologer ChromosomensŠtze) des Zebrafischs zu verŠndern; verschiedene Mutageneseprotokolle wurden etabliert und Screening-Methoden entwickelt, die es erlauben, nicht nur Mutanten mit morphologisch sichtbaren Entwicklungsdefekten zu isolieren, sondern auch Mutanten mit Šusserlich nicht sichtbaren physiologischen VerŠnderungen oder VerŠnderungen im Verhalten zu entdecken.

Nicht minder wichtig ist schlie§lich, dass der Zebrafisch eine Vielzahl mit dem Menschen gemeinsamer Eigenschaften besitzt. Viele der beim Zebrafisch gewonnenen entwicklungsbiologischen Erkenntnisse lassen sich auf den Menschen Ÿbertragen. Schon jetzt werden viele Zebrafischmutanten als Tiermodelle fŸr genetische Erkrankungen des Menschen heran gezogen.

 


Autor und Website: Dr. Gerrit Begemann

Letzte €nderung: 1 Juli 2004